Wenn die Dämmerung über den historischen Fachwerkgassen von Angermünde heraufzieht, erwacht die Geschichte zum Leben. Gestern Abend ging es für mich auf eine ganz besondere Spurensuche im eigenen Heimatort: Die Theater-Stadtführung „Aben(d)teuerliches Ketzer-Angermünde“ nahm uns mit auf eine Reise durch mittelalterliche Fehden, Inquisitionsprozesse und städtischen Blütezeiten.
Die Frau des Nachtwächters führt durch die Dunkelheit
Geführt wurde das abendliche Spektakel von drei hervorragenden Laienschauspielern in authentischer mittelalterlicher Gewandung. Da der Herr Nachtwächter seinen Rausch irgendwo nach dem Gerstensaft ausschlafen musste, übernahm kurzerhand seine resolute Gattin die Führung der Truppe – eine humorvolle und erfrischende Rahmenhandlung, die sofort für beste Stimmung sorgte!
Gleich zu Beginn gab es fundierte Einblicke in die Stadtgründung: Entstanden im 13. Jahrhundert unter dem Namen „Neuen Tangermünde“ (abgeleitet von der Übertragung des Namens Tangermünde), entwickelte sich der Ort rasch. Bereits um 1260 ließen sich die Franziskanermönche – auch als „Graue Mönche“ bekannt – in der Stadt nieder und begründeten das heutige Franziskanerkloster. Doch die Mönche brachten nicht nur Glauben, sondern im 14. Jahrhundert auch die Inquisition nach Angermünde: Durch die Verfolgung der als „Ketzer“ gebrandmarkten Waldenser erhielt die Stadt damals ihren berühmt-berüchtigten Beinamen „Ketzer-Angermünde“.
Entlang der Stadtmauer von Kirche zu Kirche
Mit dem Erhalt des Stadtrechts durfte Angermünde eine mächtige Stadtmauer errichten. Die Wehranlage mit ihren imposanten Wiekhäusern und Wehrtürmen sicherte den Wohlstand, als Angermünde im 15. Jahrhundert sogar zur reichen Hanse gehörte.
Doch die Blütezeit hatte Schattenseiten: Der Dreißigjährige Krieg traf die Stadt mit voller Härte, als Truppen wie die von Feldherr Wallenstein Angermünde fast vollständig verwüsteten und nur wenige hundert Einwohner überlebten. Unsere Route führte stimmungsvoll vom schummrigen Klostergelände entlang der alten Stadtmauer zunächst zur historischen Heiliggeistkapelle. Weiter ging es an den alten Wehranlagen entlang bis zur St.-Marien-Kirche, wo uns das schauspielerische Highlight des Abends erwartete.
Glaubensstreit & Ketzerei vor St. Marien
Direkt in der Kirche spitzte sich die Szenerie dramatisch zu: In einer mitreißenden Spielszene wurde eine einfache Magd der Ketzerei bezichtigt, vor den Inquisitoren verhört und schließlich verurteilt – ein echter Gänsehaut-Moment, der veranschaulichte, wie schnell man im Mittelalter in die Mühlen des Glaubensstreits geraten konnte.
Über den beleuchteten Angermünder Marktplatz führte der Weg schließlich zurück zum Franziskanerkloster. Ein rundum gelungener, unterhaltsamer und lehrreicher Abend direkt vor der eigenen Haustür!